Das Wissen; das Bewusstsein in Österreich

Doz. Dr. Gottfied Liedl, Wirtschafts- und Sozialhistoriker  der Universität Wien.Wie wichtig ist Geschichte für unsere Gesellschaft? Als Historiker kann ich natürlich nur eine Antwort darauf geben: sehr wichtig. Und zwar deswegen, weil die Geschichte ja nicht irgendeine Erzählung ist aus vergangener Zeit, die keinen Einfluss mehr hat auf unser heutiges Leben, sondern im Gegenteil, die Geschichte lebt, wie es einmal in einem Buch als Titel geheißen hat; das heißt, die Geschichte geht weiter. Wer also glaubt auf die Geschichte verzichten zu können, der verzichtet auf einen großen Teil der Gegenwart.

Lothar Fischmann

Das Wissen; das Bewusstsein in Österreich, was die gemeinsame Geschichte betrifft, ist leider geprägt durch zwei kriegerische Ereignisse. Die beiden osmanischen Belagerungen Wiens im Jahr 1529 und 1683. Daraus resultierend ist der Mythos entstanden, dass Wien das Abendland vor dem Ansturm der wilden Horden aus dem Osten gerettet hat. Das wirkt leider bis heute.

Zeynep Buyrac

Ohne Geschichte geht gar nichts. Wenn man die Geschichte nicht kennt; also nicht weiß, woher man kommt, dann ist die Frage: Wohin will man? Problem ist, (was Österreich betrifft, was auch die Türkei betrifft, muss ich sagen,) dass man seine eigene Geschichte einfach nicht kennt. Es kann nicht sein, dass wir in Österreich so tun als ob es hier weder den ersten, noch den zweiten Weltkrieg gegeben hätte, ja? Aber ich habe so das Gefühl einige tun das.

- Harald Posch - Direktor, Theater Garage X, WienWir leben in einem halbwegs aufgeklärten Land. Im Vergleich zu Deutschland nicht. Spezifisch in Österreich ist nach 1945 wahnsinnig viel versäumt worden. Und wir kriegen auch die Rechnung präsentiert seit 1996, seit Jörg Haider hier in der rechten Partei „FPÖ“ an die Macht kam. Weil einfach dieser ganze Nationalismus und diese ganze rechte Seite nie aufgeklärt worden ist.

Duygu OzaknIn der 90er Jahren war das Feindbild der politisch rechten Parteien in Österreich der Ausländer und da war der Türke drin, da waren die Zuwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien drin, einfach alles. Aber dieses Ausländerbild hat sich immer wieder geändert. Irgendwann waren es dann die Schwarzen, oder Zuwanderer aus Nigeria oder aus anderen Ländern. Und jetzt sind es wieder vermehrt die Türken.

Ceniz Gunay

Es gibt keine Anerkennung für das was Türken, die nach Österreich gekommen sind eigentlich geleistet haben und leisten. Es gibt eigentlich einen sehr negativen Diskurs der, vor allem von Vorurteilen und ganz klaren Bildern geprägt ist. Es gibt Stereotypen in den Köpfen der Menschen. Ein ganz bestimmtes Türkeibild wird da transportiert, das sehr stark geprägt ist, durch Ängste die es in Österreich gibt. Also Ängste vor dem Fremden allgemein und dem Türken, der den Fremden an sich repräsentiert. Dieses Türkeibild vermischt sich auch mit ganz anderen Dingen. Da geht es oft gar nicht mehr nur um die Türkei. Es geht um die Angst vor Migration, um die Angst vor dem Islam. Es geht um die Angst vor der Überschwemmung von Fremden. Das wird natürlich auch politisch ausgeschlachtet und instrumentalisiert.

Advertisements
This entry was posted in Stolz und Vorurteil. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s