Wer bin Ich?

baris dilaverBewegung, Aufbruch, Unterwegs-Sein und eine offene Zukunft: diese Begriffe prägen mein Leben und auch diesen Film.

 

Sie richten sich gegen statische Sichten und schwarz-weiß Urteile, die zu pauschalierenden Verkürzungen führen und ein weiterführendes Gespräch unmöglich machen. Dabei gibt es in der Geschichte unserer Länder eine Fülle an fruchtbar Begegnungen und Erfahrungen. Auch diese zeigt mein Film.

Geboren in Istanbul, habe ich meine Heimat nach der Ausbildung zum Balletttänzer als junger Mann verlassen. Engagements an der Wiener Staatsoper und später beim Cirque du Soleil führten mich 20 Jahre lang um die halbe Welt. Bereits zu dieser Zeit begann ich als Autodidakt Dokumentationen für die Theaterwelt zu produzieren. Eine schwere Verletzung im Jahr 2007 setzte meiner Karriere als Bühnentänzer ein jähes Ende – ein Wendepunkt in meinem Leben.

Für Cirque du Soleil” zu arbeiten bedeutet nicht nur aufzutreten und zu trainieren, sondern auch immerwährend in Form zu sein. Eine große Leidenschaft war endlich zum Beruf geworden, den ich in so vielen Ländern ausüben konnte. Ich war am Ziel angekommen!

Auf Tour hatten wir unsere eigenen  Fitnessräumlichkeiten, Physiotherapeuten und Masseure. Ein tägliches Workout ist absolut unabdingbar um die körperliche und geistige Fitness über die gesamte Tour beizubehalten.

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An einem dieser Tage verspürte ich starke Schmerzen in meinem Knie und machte mir große Sorgen, dass es diesmal eine schwerere Verletzung sei.

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Das Testergebnis bestätigte meine Ängste: Ich musste mich einigen Notoperationen unterziehen, um meine Karriere als Tänzer fortsetzen zu können. Ich fühlte mich entmutigt, verloren und ängstlich.

baris dilaverNach meiner Rückkehr nach Montreal war ich fast ständig im Krankenhaus.

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Vier Operationen mussten durchgeführt werden: Beide Knie, meine rechte Schulter und ebenso mein linker Ellbogen. Mein Körper war ein regelrechtes Wrack und meine ganze Welt schien zu zerfallen.

Was würde die Zukunft nun für mich bereithalten?

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Ankunft in Wien 2009:

Es fühlte sich wie ein Alptraum an, aus dem ich einfach nur aufwachen wollte. Ich hatte nicht den geringsten Plan die geringste Vorstellung, was das Leben nun mit mir vorhatte. 25 Jahre lang war ich nichts als ausschließlich Tänzer gewesen und hatte auch nie einen anderen nur diesen einzigen Job mit ganzem Herzen ausgeübt. Wovor sich jeder Tänzer insgeheim fürchtet, hatte sich für mich bewahrheitet.

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Diese Situation hat mich grundlegend alsMensch verändert. Ich fühlte mich glückselig und dem Universum dankbar, dass ich die Möglichkeit erhalten hatte, ein leben als Tänzer zu führen, der auf der ganzen Welt auftritt. Ich hatte meinen Kindheitstraum verwirklicht. Aber wie würde sich mein Leben gestalten wenn ich nicht mehr tanzen würde?

Wer bin ich? Woher komme ich und welche Rolle spielt dabei meine nationale Herkunft? Bin ich Türke oder Österreicher? Wie reagiert mein Umfeld auf meine türkische Abstammung und welche Rolle spielt eigentlich Nationalität in der Gegenwart?”

Ich begann mich selbst zu hinterfragen: Wieviel wusste ich eigentlich über die Geschichte zwischen der Türkei und Österreich?

Eine neue Leidenschaft schien in mir zu keimen…

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10309523_10152407945857691_6032048320147265643_nRekonvaleszent und meiner Identität als Tänzer beraubt, kehrte ich in meine zweite Heimat Wien zurück.

Nachdem ich die glamouröse Welt des Theaters hinter mir gelassen habe, erkannte ich die Ressentiments, die das “Goldene Wiener Herz” für mich als gebürtigen Türken bereit hielt.

“GLOBAL VILLAGE UND INTEGRATION”

“Ist es nicht so, dass wir mit der technischen Entwicklung lange nicht Schritt halten konnten, besonders auf sozialer Ebene diese Integration weit nicht vollzogen haben?”

Die Ansichten von Marshall McLuhan bereiteten den Nährboden für das Konzept eines „global village“ und nachfolgende bzw. verwandte Ideen. Seiner Ansicht nach bestanden die informationstechnischen Entwicklungen in den 1960ern hin zu einem elektronischen Super-System ähnlich dem menschlichen Gehirn.

Seiner Ansicht nach sollte diese gehirnähnliche Entwicklung auch soziale Auswirkungen haben, und die einzelnen Teilnehmer näher zusammen führen. Seine revolutionären Ansichten führten dazu, dass die Entwicklungen von Technologie, Medienlandschaft und Kommunikation im Allgemeinen besondere Beachtung verdienen.

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Seine Vision war die einer “globalen Integration” mit einem „real time“ Datenaustausch. Dies war bereits eine Idee aus ganz alter Zeit, als in ganz kleinen Strukturen („small village“) Information superschnell ausgetauscht und darauf reagiert werden konnte.

Doch bereits 1926 sprach der Physiker Nicolas Tesla von so etwas wie einem “Superhirn”, das kabellos aus einem rhythmischen Ganzen bestehe. Kommunikation erfolge ohne Zeitverzögerung über den gesamten Erdball hinweg.

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Informationsweiterleitung hat etwas mit „Senden“ und „Empfangen“ und nachgelagerten Aktionen zu tun. Information bleibt Information, so weit diese nicht dazu genützt wird, ein mehr an Partizipation in ferneren Weltgegenden zu bewirken. Problemlösung auf globalerer Ebene unter revolutionär verbesserter Wissensbereitstellung ist heute bedeutsamer denn je. Gerade jedwede Form von Medienversorgung kann zu einem deutlich verbesserten Verständnis des jeweils anderen genützt werden. Holen wir die Welt zu uns!

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Worin soll ich mich integrieren?

In so vielen Jahren, in denen ich so vielen Ländern gelebt – mit vielen unterschiedlichen Menschen, Sprachen, Kulturen und Mentalitäten – und gearbeitet habe, hatte ich eine Globale Identität entwickelt.

Ich war überrascht und verwundert und stellte mir die Frage, wo diese Ablehnung, die ich in Österreich erfahren habe, ihren Ursprung nahm. Denn mir erging es nicht anders als in meiner türkischen Heimat: Längst fühlte und handelte ich „europäisch“ doch sollte ich meine türkische Identität verleugnen?

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Wussten Sie, dass unsere DNA dieselbe eines Baumes ist? Ein Baum atmet ein, was wir ausatmen, und was der Baum ausatmet, atmen wir ein: So teilen wir mit dem Baum ein gemeinsames Schicksal.

Als ich nicht mehr tanzte, war ich in erster Linie nur mehr „der Türke“. Einige wandten sich wegen meiner Herkunft von mir ab. Andere fragten plötzlich, ob ich ein „moderner Türke und damit einer von uns sei“. Das „goldene Wiener Herz“, das mir früher so wohlgesonnen war, zeigte auf einmal seine Kehrseite.

Jetzt plötzlich sollte meine Herkunft wichtiger sein als meine Leistungen?

AschenbecherHohner (1)Wie werden wir es schaffen, diese schwierigen Probleme zu lösen wenn es bereits Jahre braucht, die Aschenbecher von unseren Esstischen zu entfernen und Schutzbedürftige vor unserem Qualm zu bewahren?

Soviel österreichische Identität  konzentriert sich nach wie vor auf das Habsburgerhaus und dessen romantisierte Geschichte. Zum Teil liegt dies wohl darin begründet, dass sich die Wirtschaft sehr auf den Tourismus stützt, und dieser stützt sich wiederum auf den Erhalt der imperialen Vergangenheit und deren künstlerischen und kulturellen Persönlichkeiten.

Drei Jahre lang hab ich recherchiert und Historiker, Zuwanderer und Österreicher interviewt. In der österreichischen Geschichtsschreibung sind die beiden Türkenbelagerungen von 1529 und 1683 ein zentrales Thema, ja ein Teil der österreichischen Identität – schließlich hätte man ja das Abendland vor dem türkischen Halbmond gerettet; in der türkischen Geschichtsschreibung ist die Belagerung von Wien hingegen nur ein Randthema.

Für meinen Film fragte ich Passanten, was Österreicher heute mit der türkischen Geschichte assoziieren würden.

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Die Antworten waren relativ stereotyp: neben den beiden Türkenbelagerungen fielen den meisten die Rettung der Christenheit vor dem Islam, der Genozid an der armenischen  Bevölkerung, die Problematik mit den Kurden und die Diskussion um das Kopftuch ein.

Die Meinungen gingen von „So lange sie nicht stänkern, sind sie eh okay“ bis zum Vorschlag, endlich die Kopftücher abzunehmen und sich „unserer“ Kultur anzupassen. Einige meinten hingegen, dass es an der Zeit sei, das Potential von Zweisprachigkeit und Vielfalt endlich zu nützen.

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Gefährdet der Einfluss fremder Kulturen die eigene und Warum? Wie beeinflussen uns Politik und Medien in unserem sozialen Leben, und wieviel wissen wir eigentlich von einander und unserer gemeinsamen Geschichte?

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